Startseite

Antibabypille verdreifacht Schlaganfallrisiko bei jungen Frauen

Andrea Peschitz 4 Min. Lesezeit 524. Juni 2025
Antibabypille verdreifacht Schlaganfallrisiko bei jungen Frauen
Eine neue europäische Studie bestätigt, was Mediziner schon länger vermuten: Die Antibabypille erhöht das Schlaganfallrisiko. Forscher aus 14 Ländern haben nun erstmals präzise Zahlen vorgelegt – und...
Eine neue europäische Studie bestätigt, was Mediziner schon länger vermuten: Die Antibabypille erhöht das Schlaganfallrisiko. Forscher aus 14 Ländern haben nun erstmals präzise Zahlen vorgelegt – und die sind durchaus beunruhigend. Doch wie groß ist die Gefahr wirklich? Und was bedeutet das für Millionen von Frauen, die täglich zur Pille greifen? Die Zahlen klingen dramatisch: Frauen zwischen 18 und 49 Jahren, die kombinierte orale Kontrazeptiva einnehmen, haben ein dreifach erhöhtes Risiko für bestimmte Schlaganfälle. Das zeigt eine umfassende Untersuchung, die auf der Europäischen Schlaganfall-Konferenz 2025 präsentiert wurde. Die Wissenschaftler analysierten Daten von mehr als 500 Frauen aus 14 europäischen Ländern – eine der bislang größten Studien zu diesem Thema. Im Fokus standen sogenannte kryptogene ischämische Schlaganfälle, bei denen sich keine eindeutige Ursache identifizieren lässt. Diese mysteriösen Fälle machen 30 bis 50 Prozent aller Schlaganfälle bei jungen Erwachsenen aus – ein beträchtlicher Anteil, der Mediziner seit Jahren beschäftigt.

Kleine Zahlen, große Wirkung

Doch bevor Panik ausbricht, lohnt sich ein Blick auf die absoluten Zahlen. Das dreifache Risiko bedeutet konkret: Statt zwei Schlaganfällen pro 100.000 jungen Frauen pro Jahr sind es etwa sechs. Das mag nach wenig klingen, doch für die Betroffenen ist es die Welt. Zum Vergleich: Rauchen oder starkes Übergewicht bergen deutlich höhere Gesundheitsrisiken. Die Studie, bekannt als SECRETO-Projekt, verglich 268 Frauen mit kryptogenem Schlaganfall mit ebenso vielen Frauen ohne Schlaganfall-Historie. Selbst nach Berücksichtigung anderer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen, Migräne mit Aura oder Bauchfett blieb der Zusammenhang bestehen. Ein deutliches Signal, dass hier mehr im Spiel ist als nur statistische Zufälle. Mine Sezgin, Neurologin an der Universität Istanbul und Leiterin der Studie, sieht darin einen wichtigen Puzzlestein: Die Verbindung zwischen Antibabypille und Schlaganfallrisiko bleibe auch dann stark, wenn andere bekannte Risikofaktoren herausgerechnet werden. Das deutet auf zusätzliche Mechanismen hin – möglicherweise genetische oder biologische Faktoren, die bislang unentdeckt blieben.

Östrogen als Drahtzieher

Die meisten Studienteilnehmerinnen nahmen Präparate mit dem Hormon Ethinylestradiol ein, typischerweise in einer Dosierung von 20 Mikrogramm – nach heutigen Standards eine niedrige Dosis. Aktuelle Leitlinien empfehlen sogar Präparate mit maximal 35 Mikrogramm Ethinylestradiol, wobei die 20-Mikrogramm-Formulierungen als sicherer gelten. Der Mechanismus dahinter ist komplex: Östrogen kann Entzündungsprozesse fördern und die Blutgerinnung verstärken. Je nach Dosierung fallen diese Effekte unterschiedlich aus – ein Balanceakt zwischen Wirksamkeit und Risiko. Was die Sache verkompliziert: Östrogen kann je nach Menge völlig gegensätzliche Wirkungen entfalten. Diese Erkenntnisse kommen zu einem beunruhigenden Zeitpunkt. Seit den 1980er Jahren steigen die Schlaganfallraten bei jüngeren Erwachsenen, obwohl sie in wohlhabenden Ländern insgesamt rückläufig sind. Schlaganfälle bei 18- bis 49-Jährigen machen inzwischen 10 bis 15 Prozent aller Schlaganfälle in den USA aus – eine besorgniserregende Entwicklung.

Alternativen im Blickfeld

Was bedeutet das für die Praxis? Die Forscher raten Ärzten zu größerer Vorsicht bei der Verschreibung kombinierter oraler Kontrazeptiva, besonders bei Frauen mit zusätzlichen Risikofaktoren für Gefäßprobleme oder bereits erlittenen Schlaganfällen. Eine sorgfältigere Risikoabwägung sei unumgänglich. Für besorgte Frauen gibt es Alternativen: östrogenfreie Verhütungsmethoden wie reine Gestagen-Pillen, Hormonspiralen, Kupferspiralen oder Depot-Injektionen. Diese Optionen bergen andere Risikoprofile – ein individueller Ansatz ist gefragt. Doch Experten warnen vor vorschnellen Entscheidungen. Für die meisten jungen, gesunden, nichtrauchenden Frauen ohne Migräne mit Aura oder andere bedeutsame Gefäßrisikofaktoren bleiben kombinierte orale Kontrazeptiva sicher und hochwirksam. Die Kunst liegt in der personalisierten Beratung statt pauschaler Empfehlungen. Die Diskussion um die Sicherheit von Verhütungsmitteln ist nicht neu. Bereits frühere Studien zeigten erhöhte Schlaganfallrisiken bei Präparaten mit mehr als 50 Mikrogramm Ethinylestradiol. Die US-Arzneimittelbehörde führt Herzrhythmusstörungen, Schlaganfälle, Blutgerinnsel und sogar plötzliche Todesfälle als mögliche Folgen hormoneller Verhütung auf. Die aktuelle Studie legt nahe: Selbst niedrig dosierte Pillen sind nicht risikofrei. Sezgin betont jedoch, dass größere Studien nötig sind, um herauszufinden, ob bestimmte Pillentypen unterschiedliche Risiken bergen. Solche Erkenntnisse könnten Ärzten helfen, Verhütungsmittel sicherer und gezielter zu verschreiben. Die Forschung geht weiter: Sezgin und ihr Team wollen die biologischen und genetischen Gründe für den beobachteten Zusammenhang zwischen Antibabypille und erhöhtem Schlaganfallrisiko ergründen. Nur so lässt sich verstehen, wie diese Medikamente das Risiko tatsächlich steigern – und wie sich das möglicherweise verhindern lässt.

Newsletter abonnieren

Erhalte die neuesten Gesundheits-News direkt in dein Postfach.

Wie hat dir dieser Artikel gefallen?

Teilen

Ad Space