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Antibiotikum senkt überraschend den Blutdruck
Gernot Winteregger 3 Min. Lesezeit 322. Juni 2025
Britische und südafrikanische Forscher haben entdeckt, dass das Antibiotikum Ciprofloxacin den Blutdruck auf völlig neue Weise senken kann. Der Wirkstoff blockiert das ACE-Enzym anders als...
Britische und südafrikanische Forscher haben entdeckt, dass das Antibiotikum Ciprofloxacin den Blutdruck auf völlig neue Weise senken kann. Der Wirkstoff blockiert das ACE-Enzym anders als herkömmliche Medikamente – mit deutlich weniger Nebenwirkungen. Die Entdeckung könnte zur Entwicklung sichererer Bluthochdruck-Therapien führen.
Ein weit verbreitetes Medikament könnte bald eine ganz neue Rolle spielen. Ciprofloxacin, ein bewährtes Antibiotikum gegen bakterielle Infektionen, zeigt unerwartete Eigenschaften bei der Blutdrucksenkung. Forscher aus Großbritannien und Südafrika haben entdeckt, dass der Wirkstoff auf völlig neue Weise in die Regulation des Herz-Kreislauf-Systems eingreift.
Die Entdeckung könnte millionenfach verschriebene Bluthochdruck-Medikamente revolutionieren – und deren Nebenwirkungen erheblich reduzieren.
Zufallsfund mit System
Professor Ravi Acharya von der University of Bath und Professor Ed Sturrock von der University of Cape Town stießen bei ihrer Forschung auf einen bemerkenswerten Mechanismus. Ciprofloxacin blockiert das ACE-Enzym, das eine Schlüsselrolle bei der Blutdruckregulation spielt. Doch das Antibiotikum geht dabei einen anderen Weg als herkömmliche ACE-Hemmer. Statt die gewohnten Andockstellen zu besetzen, bindet es an eine völlig andere Stelle des Enzyms – mit überraschenden Folgen. Die Forschungsergebnisse erschienen kürzlich in der Fachzeitschrift ACS Bio & Med Chem Au.Weniger Nebenwirkungen durch clevere Blockade
ACE verwandelt normalerweise das inaktive Angiotensin I in Angiotensin II, das die Blutgefäße verengt und den Druck steigen lässt. Aktuelle Medikamente verhindern diese Umwandlung, indem sie das Enzym komplett lahmlegen. Das Problem: ACE ist ein Multitalent. Es greift in Nierenfunktion, Fortpflanzung und Immunabwehr ein – mit entsprechenden Nebenwirkungen. Reizhusten oder Schwellungen im Rachen sind typische Folgen. Ciprofloxacin dagegen dockt an einer "allosterischen" Stelle an, fernab des eigentlichen Reaktionszentrums. Wie die Forscher in ihrer Studie zeigen, kann das Enzym dadurch seine anderen Aufgaben weiterhin erfüllen, nur die Blutdrucksteigerung wird verhindert.Schwacher Bindungspartner mit großem Potenzial
Allerdings bindet Ciprofloxacin noch zu schwach, um als Blutdrucksenker zu taugen. Die Forscher sehen darin jedoch den Grundstein für eine neue Medikamentenklasse. Chemische Verwandte des Antibiotikums könnten gezielt verstärkt und optimiert werden. "Diese bahnbrechende Forschung erweitert nicht nur unser Verständnis der ACE-Regulation, sondern zeigt auch das Potenzial für die Entwicklung der nächsten Generation von Inhibitoren auf, die sicherer und effizienter bei der Behandlung von Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind", erklärt Professor Acharya.Jahrzehntelange Zusammenarbeit trägt Früchte
Das internationale Forscherteam arbeitet bereits seit 30 Jahren zusammen. Finanziert wird die Arbeit vom britischen Biotechnology and Biological Sciences Research Council (UKRI-BBSRC). Dr. Vinasha Ramasamy und Professor Sturrock untersuchten in Kapstadt die Enzymkinetik, während Dr. Kyle Gregory und Professor Acharya in Bath die dreidimensionale Struktur mittels Röntgenkristallographie entschlüsselten.Millionen Betroffene könnten profitieren
In Deutschland leiden etwa 20 bis 30 Millionen Menschen unter Bluthochdruck, weltweit sind es über eine Milliarde. ACE-Hemmer gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten überhaupt. Die Aussicht auf wirksamere Therapien mit weniger Nebenwirkungen könnte die Behandlung grundlegend verbessern. Besonders Patienten, die bisherige Medikamente schlecht vertragen, könnten von der neuen Wirkstoffklasse profitieren. Als nächsten Schritt wollen die Forscher verschiedene chemische Verwandte von Ciprofloxacin testen, um Bindungsstärke und Spezifität zu optimieren. Bis zur Marktreife dürfte es jedoch noch Jahre dauern. Die Entdeckung zeigt einmal mehr: Manchmal verbergen sich die besten Lösungen in Medikamenten, die wir längst zu kennen glaubten.Newsletter abonnieren
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