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Das uralte Geheimnis unserer körpereigenen Immunabwehr

Marco Maier 4 Min. Lesezeit 422. Juni 2025
Das uralte Geheimnis unserer körpereigenen Immunabwehr
Wie entscheidet unser Körper, ob ein Fremdstoff harmlos oder gefährlich ist? Forscher der University of Pennsylvania haben jetzt die mathematischen Gesetze entschlüsselt, die hinter einem 500...
Wie entscheidet unser Körper, ob ein Fremdstoff harmlos oder gefährlich ist? Forscher der University of Pennsylvania haben jetzt die mathematischen Gesetze entschlüsselt, die hinter einem 500 Millionen Jahre alten Protein-Netzwerk stehen. Diese Entdeckung könnte die Entwicklung neuer Therapien revolutionieren. Es ist eine der wichtigsten Fragen der Medizin: Warum greift unser Immunsystem manchmal harmlose Medikamente oder Implantate an, während es echte Bedrohungen übersieht? Die Antwort liegt in einem Protein-System, das älter ist als die Evolution von Wirbeltieren – dem Komplementsystem.

Ein Wächter mit doppelter Natur

"Das Komplementsystem ist vielleicht der älteste bekannte Teil unseres extrazellulären Immunsystems", erklärt Jacob Brenner, Arzt und Wissenschaftler an der University of Pennsylvania. Diese uralte Maschinerie kann sowohl Beschützer als auch Angreifer sein. Bei Schlaganfällen etwa wendet sie sich gegen gesunde Hirnzellen und verschlechtert die Prognose der Patienten. Brenners Team wollte verstehen, wie das System "entscheidet", wann es zuschlägt. Ihre in der Fachzeitschrift Cell veröffentlichte Studie zeigt: Es folgt den Gesetzen der Physik.

Wenn Nähe über Leben und Tod entscheidet

Die Forscher entdeckten einen molekularen Wendepunkt – den kritischen Perkolationsschwellenwert. Dieser hängt davon ab, wie dicht Bindungsstellen auf der Oberfläche eines Fremdkörpers beieinander liegen. Sind sie zu weit voneinander entfernt, erlischt die Immunreaktion. Liegen sie jedoch nah genug beieinander, lösen sie eine Kettenreaktion aus, die sich wie ein Lauffeuer ausbreitet. "Diese Entdeckung ermöglicht es uns, Therapeutika so zu entwickeln, wie man ein Auto oder ein Raumschiff entwirft – mit physikalischen Prinzipien als Leitfaden für die Immunantwort –, anstatt auf Versuch und Irrtum zu setzen", sagt Brenner. Das interdisziplinäre Team aus Medizinern und Ingenieuren verfolgte einen ungewöhnlichen Ansatz. Statt komplexe biologische Systeme in kleinste Teile zu zerlegen, betrachteten sie das Ganze durch eine mathematische Brille.

Liposomen als Testfeld

Zunächst entwickelten die Forscher winzige Fettpartikel – sogenannte Liposomen – und bestückten sie mit unterschiedlich dichten Bindungsstellen für Immunproteine. In Dutzenden von Versuchsreihen beobachteten sie, wie sich Antikörper und andere Immunfaktoren an diese künstlichen Oberflächen hefteten. Was sie im Labor sahen, wurde durch mathematische Modelle kristallklar: Je enger die Proteine beieinander lagen, desto heftiger fiel die Immunreaktion aus. "Wir nahmen diese erste Beobachtung und versuchten dann, präzise zu kontrollieren, wie eng die Proteine auf der Oberfläche angeordnet waren", sagt Myerson. "Wir fanden heraus, dass es diesen Schwellenwert-Abstand gibt, der wirklich der Schlüssel zum Verständnis ist, wie sich dieser Komplementmechanismus als Reaktion auf die Oberflächenstruktur ein- oder ausschalten kann."

Perkolation: Wenn Kaffee und Immunsystem sich ähneln

Die Dynamik folgt denselben Gesetzen, die Forscher schon in den 1950er Jahren bei der Erdölförderung entdeckten: der Perkolation. Sahil Kulkarni, Doktorand im Team, erklärt den Prozess mit einem anschaulichen Vergleich: "Es ist wie ein Funke, der in einen Wald fällt. Stehen die Bäume zu weit auseinander, breitet sich das Feuer nicht aus. Stehen sie jedoch dicht beieinander, brennt der ganze Wald." Nicht alle Fremdpartikel müssen vollständig mit Komplementproteinen bedeckt sein, um eine Immunreaktion auszulösen. Diese scheinbare Unperfektion ist jedoch kein Fehler, sondern ein Evolutionsvorteil. Das System kann flexibel reagieren und sogar rückgängig gemacht werden – anders als bei der Eisbildung, die unumkehrbar von einem Kristall ausgeht. "Komplementproteine zu produzieren ist teuer", sagt Radhakrishnan. "Perkolation stellt sicher, dass man nur das verwendet, was man braucht."

Ausblick: Sicherere Nanotherapien

Die Erkenntnisse könnten die Entwicklung von Nanotherapien revolutionieren. Wissenschaftler können nun gezielt die Proteinabstände auf Nanopartikeln justieren, um unerwünschte Immunreaktionen zu vermeiden. Das könnte lipidbasierten Impfstoffen, mRNA-Therapien und CAR-T-Behandlungen zugutekommen. "Diese Art von Problemen existiert an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen", sagt Myerson. "Man braucht wissenschaftliches und ingenieurtechnisches Know-how, um Präzisionssysteme zu bauen, Komplexitätswissenschaft, um Hunderte von Gleichungen zur Modellierung jeder Protein-Protein-Wechselwirkung auf drei wesentliche zu reduzieren, und Mediziner, die die klinische Relevanz erkennen können." Die Forscher planen bereits, ihr mathematisches Rahmenwerk auf andere komplexe biologische Netzwerke anzuwenden: die Blutgerinnungskaskade und Antikörper-Wechselwirkungen. Beide folgen ähnlichen Prinzipien wie das Komplementsystem und könnten von denselben physikalischen Gesetzen regiert werden. Ein 500 Millionen Jahre altes System gibt damit seine Geheimnisse preis – und ebnet den Weg für eine neue Generation maßgeschneiderter Therapien.

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