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Mikroplastik in Glasflaschen häufiger als gedacht

Marco Maier 4 Min. Lesezeit 523. Juni 2025
Mikroplastik in Glasflaschen häufiger als gedacht
Eine Studie zeigt: Glasflaschen enthalten mehr Mikroplastik als PET-Flaschen. Das Problem liegt an den Kronkorken – mit Folgen für Gesundheit und Umwelt. Man greift zum Glas, um dem Plastik zu...

Eine Studie zeigt: Glasflaschen enthalten mehr Mikroplastik als PET-Flaschen. Das Problem liegt an den Kronkorken – mit Folgen für Gesundheit und Umwelt.

Man greift zum Glas, um dem Plastik zu entgehen. Aus Umweltbewusstsein, aus Gesundheitsgründen – oder einfach, weil es besser klingt: Glasflasche statt PET. Doch was, wenn der vermeintlich gesündere Griff genau das Gegenteil bewirkt? Eine neue Untersuchung aus Frankreich erschüttert ein weit verbreitetes Bild – und wirft grundsätzliche Fragen über unsere Alltagsentscheidungen auf.

Denn ausgerechnet in Glasflaschen steckt mitunter mehr Mikroplastik als in den oft gescholtenen Plastikflaschen. Die Studie, vorgestellt von der französischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Agence nationale de sécurité sanitaire, ANSES), fand bis zu 50-mal höhere Konzentrationen der winzigen Partikel in Mineralwasser aus Glasflaschen. Der Ursprung des Plastikabriebs? Nicht etwa die Flasche selbst – sondern die bunte Farbe auf dem Kronkorken.

Ein Missverständnis in Flaschenform

Die überraschenden Ergebnisse gehen auf die Forschung der Doktorandin Iseline Chaïb zurück. In einem spezialisierten Labor im nordfranzösischen Boulogne-sur-Mer analysierte sie unterschiedliche abgefüllte Getränke – darunter Mineralwasser aus Glasflaschen, Plastikflaschen und Metalldosen. Erwartet hatte das Forschungsteam, in PET-Flaschen die höchsten Belastungen zu finden. Doch das Gegenteil war der Fall.

Im Schnitt fanden sich in Glasflaschen rund 100 Mikroplastik-Partikel pro Liter – teils sogar deutlich mehr. In den Vergleichsproben aus Plastikflaschen oder Dosen lagen die Werte wesentlich niedriger. Die Analyse der Partikel ergab: Sie bestanden aus demselben Kunststoff wie die Lacke auf den Metallverschlüssen. Besonders auffällig: Je stärker die Kronkorken bei der Lagerung aneinandergerieben hatten, desto mehr Mikropartikel fanden sich im Getränk.

Kleine Teilchen, große Fragen

Mikroplastik – das sind Kunststoffpartikel mit einem Durchmesser von unter fünf Millimetern. Oft stammen sie aus dem Abrieb von Reifen, Textilfasern oder eben Verpackungen. Sie sind so winzig, dass sie über die Luft eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen werden können. In der Umwelt lassen sie sich längst überall nachweisen – von arktischen Eisschichten bis zu den Tiefen des Marianengrabens. Und auch im menschlichen Körper sind sie inzwischen angekommen.

Eine internationale Studie vom Februar 2024 konnte erstmals Mikroplastikpartikel in allen untersuchten Blutproben nachweisen – bei Probanden jeden Alters. Die Teilchen wandern offenbar durch den Körper, lagern sich in Organen ab, möglicherweise sogar in der Plazenta ungeborener Kinder. Die gesundheitlichen Folgen sind noch weitgehend unerforscht. Doch die Fragen, die sich auftun, sind gewichtig: Können die Teilchen Entzündungsprozesse auslösen? Wirken sie hormonell oder fördern sie gar Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Die gute Verpackung, die schlechte Verpackung?

Die Studie aus Frankreich stellt damit nicht nur ein spezifisches Produktproblem bloß, sondern rüttelt an einem kollektiven Vorurteil. Denn Glas gilt im öffentlichen Bewusstsein als die edelste aller Verpackungen – ökologisch und gesundheitlich überlegen. Die Studie zeigt nun, dass auch diese Form nicht per se „sauber“ ist. Zwar handelt es sich bei dem nachgewiesenen Mikroplastik nicht um Bestandteile des Glases selbst, sondern um Einträge durch den Verschluss. Doch das Resultat bleibt dasselbe: Die Teilchen landen im Getränk und damit potenziell im Körper.

Die französische Lebensmittelbehörde fordert deshalb ein Überdenken der industriellen Prozesse. Vor allem die Lagerbedingungen der Verschlüsse müssten verbessert werden. Auch die Lackierung – bislang eine rein funktionale und ästhetische Maßnahme – sollte neu bewertet werden. In Versuchen zeigte sich, dass durch einfache Reinigungsmaßnahmen der Gehalt an Mikroplastikpartikeln um bis zu 60 Prozent reduziert werden konnte.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Dass ausgerechnet die ästhetische Schicht auf einem Metallverschluss zu einer der Hauptquellen für Mikroplastik im Wasser wird, ist ein ironischer Befund. Denn wo man als Verbraucher denkt, Qualität und Reinheit mitzukaufen, lauern unsichtbare Belastungen. Das bedeutet nicht, dass Glasflaschen generell schlecht oder PET-Flaschen plötzlich gesund sind. Aber es verdeutlicht, wie komplex das Thema Verpackung in Wahrheit ist – und wie leicht sich Annahmen verselbstständigen, die wissenschaftlich nicht gedeckt sind.

Langfristig, so Fachleute, könnte sich die Forschung an Mikroplastik zu einem ähnlich zentralen Thema entwickeln wie einst die Diskussion um Feinstaub oder Pestizide. Noch fehlt es an Langzeitstudien. Noch weiß man wenig über Wechselwirkungen im Körper. Doch je genauer man hinsieht, desto deutlicher wird: Mikroplastik ist kein Nischenproblem – sondern ein massiver, systemischer Eintrag in den menschlichen Alltag.

Ein Stoff, der bleibt

Kunststoffpartikel bauen sich in der Umwelt nicht einfach ab. Im Gegenteil: Je kleiner sie werden, desto schwerer lassen sie sich herausfiltern. In den Kläranlagen, im Grundwasser, selbst in den Eisschichten der Arktis bleiben sie erhalten – vielleicht für Jahrhunderte. Und während sich Mikroplastik als Belastung für Tierwelt und Ökosysteme längst manifestiert hat, ist die Wirkung auf den Menschen weiterhin ein Forschungsfeld voller Unbekannter.

Was bleibt, ist die Erkenntnis: Nicht alles, was glänzt – oder in Glas gefüllt ist – ist frei von Risiko. In einer Welt, in der selbst der Verschlussdeckel zum Gesundheitsrisiko werden kann, sind aufgeklärte Verbraucherinnen und Verbraucher gefragt. Und eine Industrie, die genauer hinsieht, als sie es bisher getan hat.

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