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Wenn der Krebs schläft – und die Chemotherapie ihn weckt

Bernd Haubner 5 Min. Lesezeit 324. Juli 2025
Wenn der Krebs schläft – und die Chemotherapie ihn weckt
Krebs ist ein Gegner mit vielen Gesichtern. Selbst wenn moderne Therapien den Primärtumor erfolgreich zum Schrumpfen bringen, können Jahre später neue Tumoren auftauchen – an ganz anderen Orten im...

Krebs ist ein Gegner mit vielen Gesichtern. Selbst wenn moderne Therapien den Primärtumor erfolgreich zum Schrumpfen bringen, können Jahre später neue Tumoren auftauchen – an ganz anderen Orten im Körper. Für Patienten und Ärzte ist das oft ein Schock. Doch ein chinesisches Forschungsteam hat nun möglicherweise eine Erklärung dafür gefunden, warum das so ist. Und noch mehr: Die Studie wirft grundlegende Fragen über die Wirkung von Chemotherapie auf – und könnte die Krebstherapie der Zukunft grundlegend verändern.

Schon länger ist bekannt, dass Krebszellen nicht nur am Ursprungsort wachsen. Bereits in frühen Stadien einer Tumorerkrankung können sogenannte disseminierte Tumorzellen (DTCs) in andere Organe gelangen – wie stille Passagiere im Blutstrom. Dort angekommen, verfallen sie oft in einen Schlafzustand: Sie teilen sich nicht, sie wachsen nicht, sie verursachen keine Symptome. Diese Zellen sind quasi unsichtbar – auch für gängige Therapien wie Chemotherapie, die vor allem auf sich schnell teilende Zellen zielt.

Doch irgendwann, oft Jahre später, beginnen diese Zellen wieder zu wachsen. Sie werden aktiv – und mit ihnen kehrt der Krebs zurück. Was genau diese schlafenden Krebszellen "aufweckt", war bislang unklar. Doch eine neue, im Juli 2025 in Cancer Cell veröffentlichte Studie chinesischer Wissenschaftler bringt nun Licht ins Dunkel.

Wenn die Therapie zum Auslöser wird

Ein interdisziplinäres Team um Professor Hu Guohong vom Shanghai Institute of Nutrition and Health, Teil der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS), hat eine überraschende Hypothese untersucht: Kann Chemotherapie selbst der Auslöser dafür sein, dass ruhende Krebszellen wieder aktiv werden?

Die Antwort, so zeigen es ihre Experimente an Mausmodellen mit Brustkrebs, lautet: Ja. Und der Mechanismus dahinter ist ebenso komplex wie faszinierend.

(C) gznd.news

Der stille Helfer: Fibroblasten im Bindegewebe

Im Zentrum der Forschung stehen die sogenannten Fibroblasten – spezialisierte Zellen des Bindegewebes, die normalerweise Strukturproteine wie Kollagen produzieren. Im Laufe ihrer Studie entdeckten die Forscher, dass Chemotherapeutika wie Doxorubicin und Cisplatin diese Fibroblasten in einen Zustand der „Seneszenz“ versetzen.

Seneszente Zellen sind biochemisch gesehen gealtert. Sie teilen sich nicht mehr, sondern senden entzündungsfördernde Signale aus. Das allein wäre schon problematisch. Doch es kommt noch schlimmer: Diese Signale rufen bestimmte Immunzellen auf den Plan – darunter Neutrophile, die zu einer bemerkenswerten Reaktion fähig sind.

Gefährliche Netzwerke: Die Rolle der Neutrophilen

Neutrophile gehören zur ersten Verteidigungslinie des Immunsystems. Unter bestimmten Bedingungen bilden sie sogenannte NETs – „neutrophil extracellular traps“. Das sind netzartige Strukturen aus DNA und Enzymen, mit denen sie Krankheitserreger einfangen können. Eigentlich ein Schutzmechanismus.

Doch in diesem Fall wirken diese NETs wie ein Brandbeschleuniger: Sie verändern die Mikroumgebung der Lunge so, dass sie dormant gewordene Tumorzellen aus ihrem Ruhezustand holen. Das Gewebe wird „krebskompatibel“, die extrazelluläre Matrix (das molekulare Gerüst rund um Zellen) wird umgebaut, und Tumorsuppressor-Signale werden abgebaut.

Das Resultat: Die ruhenden Krebszellen beginnen wieder zu wachsen – und bilden Metastasen.

Ein „Paradox“ der Krebstherapie

Diese Erkenntnis stellt vieles infrage, was bislang als ausgemacht galt. Denn Chemotherapie galt bisher als der Goldstandard bei vielen soliden Tumoren, auch im Frühstadium. Dass sie nicht nur den Primärtumor bekämpfen, sondern gleichzeitig auch versteckte Rückkehrer mobilisieren könnte, ist ein schwerwiegender Befund.

Ähnliche Hinweise gab es zuvor bereits bei Bestrahlung: Auch hier zeigten Studien, dass hochdosierte Strahlung manchmal zur Bildung von Metastasen führen kann. Doch die neue Arbeit des chinesischen Teams liefert erstmals einen konkreten molekularen Mechanismus, der diesen Effekt für die Chemotherapie plausibel macht.

Technologie trifft Biologie: Der DormTracer

Um das alles sichtbar zu machen, entwickelten die Forscher ein neuartiges System namens DormTracer. Damit konnten sie in Echtzeit verfolgen, welche Krebszellen sich in der Lunge von Mäusen befinden, ob sie schlafen oder aktiv sind – und wie sie sich unter verschiedenen Bedingungen verhalten. Dieses Tool könnte künftig auch in der humanmedizinischen Forschung eine wichtige Rolle spielen.

Hoffnung durch Senolytika?

Doch die Studie endet nicht bei der Problemdiagnose. Die Forscher testeten auch einen möglichen Gegenangriff: Senolytische Medikamente, also Wirkstoffe, die gezielt seneszente Zellen zerstören. In ihrem Experiment setzten sie eine Kombination aus Dasatinib und Quercetin ein – beide Substanzen sind bereits in der Anti-Aging- und Krebsforschung bekannt.

Das Ergebnis war ermutigend: Die Entfernung der seneszenten Fibroblasten unterband die Wiedererweckung der ruhenden Krebszellen. Die Mäuse entwickelten seltener Lungenmetastasen. Die Autoren sehen darin einen möglichen neuen Weg, Chemotherapie „sicherer“ zu machen, indem man ihre schädlichen Nebeneffekte auf das Gewebe neutralisiert.

Und der Mensch?

Die Übertragung dieser Erkenntnisse auf den Menschen steht natürlich noch am Anfang. Doch bereits jetzt laufen erste klinische Studien in China, bei denen Patientinnen mit Brustkrebs nach der Chemotherapie senolytisch behandelt werden. Noch ist unklar, wie gut diese Ansätze wirken und welche Nebenwirkungen sie mit sich bringen.

Klar ist aber: Das Paradigma der Krebsbehandlung könnte sich wandeln. Die Idee, dass „alles, was Tumorzellen tötet, gut ist“, greift zu kurz. Es braucht ein besseres Verständnis der Mikroumgebung, der Immunreaktionen und der versteckten Prozesse im Körper.

Krebs ist ein Systemphänomen

Diese Studie zeigt: Krebs ist nicht nur ein Tumor, sondern ein Systemphänomen. Der Organismus reagiert auf Therapien – manchmal mit unerwünschten Nebenwirkungen. Die Entstehung von Metastasen ist oft weniger eine Frage der verbleibenden Tumormasse als eine der biologischen Kommunikation im Gewebe.

Wenn wir Krebs langfristig besiegen wollen, müssen wir diese Sprache verstehen lernen. Und manchmal bedeutet das auch, altbekannte Waffen wie die Chemotherapie kritisch zu hinterfragen.

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